Essig und Dizzkus  - die neue Reihe im Teutschlandstunk

- eine Erklärung zu einem Produkt der Leidkultur -



Die Geschichte des Essay reicht weit zurück. Michel de Montaigne (1533-1592) bezeichnete seine Texte, die sein eigenes Erleben und Denken widerspiegelten als „essai“ zu deutsch „Versuch“. Versuch und Versuchung liegen dicht beieinander. So erlagen im Laufe der Geschichte viele Dichter und Denker der Versuchung ihre Weltsicht zu veröffentlichen, ohne vorher zu fragen, ob deren Senfzugabe überhaupt erwünscht sei. Der Deutschlandfunk eine Rundfunkanstalt, die zwischen „kaltem Kriegssender“ von Adenauers Gnaden und einem staatstragenden Radiosender pendelt, bemüht sich um den intellektuellen Anspruch dem Land jener Dichter und Denker gerecht zu werden. So versucht man seit Jahren mit einer sonntäglichen Halbstundensendung unter dem Titel „Essay und Diskurs“ mit teilweise skurrilen Themen die Hörer zu bilden.Ein Beispiel sei das heutige Thema im DLF : Mode oder Verzweiflung - Kleider machen Leute, aber was machen Leute mit Kleidern? Von Johanna Rubinroth


„Hierzulande – Aufsätze zur Zeit“, darin beschrieb Heinrich Böll in der jungen BRD genüsslich den rheinisch-katholischen Kleingeist, der ängstlich versuchte, die immer noch bestehende nationalsozialistische Ideologie unter den Altarteppich zu kehren, was natürlich nicht gelang und der Autor zum meistgehassten Schriftsteller der Nachkriegszeit machte. Nehmen wir den Essay wörtlich, so ist er beileibe kein Aufsatz, sondern ein Versuch, den freischaffende Journalisten täglich unternehmen, um durch viele Zeilen ihr Honorar in die Höhe zu treiben. Aber die Struktur dieser Essays folgt der klassischen Linie des Schulaufsatzes. Die ältere Generation wurde damit noch an den Gymnasien geplagt. Es hieß „dialektischer Besinnungsaufsatz“. Ein Thema diene als Beispiel im Deutsch-Unterricht einer 11. Klasse, gestellt vom Oberstudienrat "Herr Doktor M.", ein Ostzonenflüchtling, der von Stalin mit dem Hammer und der Sichel persönlich verfolgt worden war und nun die Wohltaten der christdemokratischen Errungenschaften in der Bundesrepublik wie Sauerbier anpries. Kritik schmetterte er mit dem Hinweis ab, dass er die Zonendiktatur schließlich selbst erlebte. Die wahren Gründe der Flucht blieben im Dunkeln. Das Thema lautete: „Pressefreiheit – Vorzug oder Gefahr eines freiheitlichen demokratischen Staates?“ Ebenfalls ein Anlass für eine Folge in der Reihe „Essay und Diskurs“ im schon erwähnten Deutschlandfunk.




„Der Begriff Besinnungsaufsatz ist bei diesem Thema eher ein germanistischer Fehlgriff Herr Doktor“, so möchte man bei kritischer Betrachtung doch wahrheitsgetreu von einem Gesinnungsaufsatz sprechen. Das Strickmuster, welches „dialektisch“ genannt wird, sieht tatsächlich folgende Liturgie im Aufsatzablauf vor: „Einleitung-These-Antithese-Synthese“. Die Einleitung des Schülers entpuppte sich bereits als ein Fehlgriff aus der Sicht dieses Pädadgogen. So schrieb der Obersekundaner: „Um überhaupt eine Betrachtung der Vor- und Nachteile der Pressefreiheit durchzuführen, brauchen wir ein Bezugssystem, in welchem wir dann Beispiele aus der Bundesrepublik betrachten können, um dann Rückschlüsse zu ziehen.“ Die Rotstiftbemerkung dazu: „Das gibt keinen guten Ausgangspunkt“. Der Daumen zeigt nach unten. Im Text folgt: „Mit anderen Worten: wir müssen uns einen Staat denken, in dem die Grundrechte verwirklicht sind,...“ Die blutrote Retourkutsche liest sich so: „ In der BRD wohl nicht?“ Zum besseren Verständnis muss angemerkt werden, dass zu dieser Zeit erstmals die sozial-liberale  Bundesregierung mit dem stehenden Applaus der CDU/CSU die sogenannten „Berufsverbote“ abgesegnet hatte, in deren Folge per Gesetz unzähligen Bewerbern, gleich ob Lehrer oder Lokführer bei der Bundesbahn, die Anstellung zu verweigern oder sie aus ihrer Position zu entfernen sei, wenn das zuständige Landesamt für Verfassungsschutz Erkenntnisse besaß, die den Betreffenden keine vorbehaltlose Zustimmung zu der real existierenden freiheitlichen demokratischen Grundordnung (fdGo) der Bundesrepublik bescheinigten. So rutschte dieser Schüler nach dem Urteil des "Herrn Doktor M." binnen eines Schuljahres von der Note „Sehr gut“ auf ein „befriedigend“. Merke: Gesinnung kommt von Haltung und heute ist in der BRD Haltung angesagt und wer von Beiden hat heute recht? Schüler oder Lehrer?


Was der Schüler offenbar nicht wusste, weil es diesen Begriff noch nicht gab. Es ist die deutsche Leitkultur, mit der nicht zu spaßen ist. Dabei ist diese eine Kampfparole, die in Wahrheit für „Leidkultur“ steht. Unsere europäischen Nachbarn wissen davon ein garstig Lied zu singen. Zu dieser Leidkultur gehört der dialektische Gesinnungsaufsatz oder akademisch ausgedrückt: Essay und Diskurs. Das Thema Meinungsfreiheit wird in der These besonders gewürdigt. Es finden sich genügend Diktaturen, im Moment ist Russland sehr en vogue, um die BRD zu einem Freiheitsparadies in den Himmel zu erheben. Damit das Ganze nun nicht zu sehr nach plumper Propaganda stinkt, wird eine Prise harmloser Kritik als „Antithese“ hinzugefügt. Es ist peinlichst darauf zu achten, dass die Kritik ausgewogen und insbesondere konstruktiv wie der heutige deutsche Journalismus ist. Wer dagegen verstößt, der sei an die Drohung der Pressesprecher des Auswärtigen Amtes erinnert, die zwar die kritische Meinung nicht verbieten, aber mit existenzgefährdenden Konsequenzen dem unbedachten Kritiker die Staatsmacht spüren lassen. Es ist die nebulöse Allmacht durchgeknallter EU-Kommissare, welche die Bundesregierung der Pflicht zu rechtstaatlichem Handeln enthebt. Statt „Nürnberger Gesetze“ nun Brüsseler Gesetze, die wegen ihrer Willkür keiner gerichtlichen Kontrolle unterliegen. Die BRD-Justiz wäscht wie ein Pontius Pilatus ihre Hände in Unschuld, was sie wegen dieser unerfreulichen Epoche, wo sie dem Führer diente, nach 1945 auch schon erfolgreich tat. Nun, der gute Untertan wird es erst gar nicht so weit kommen lassen. Seine Kritik bleibt im Rahmen des Erlaubten und zum Schluss dieses Aufsatzes werden These und Antithese glücklich in der Synthese verquirlt und die Nation ist gerettet. Frei nach dem Motto: „Sicher könnte man an einigen Punkten Kritik an dem Umgang unserer Staatsmacht mit der grundgesetzlich garantierten Meinungsfreiheit üben, doch müsste dabei berücksichtigt werden, dass dies Wasser auf die Mühlen der Feinde unserer Demokratie wäre. Daher ist es gut wie es ist und man kann mit Bedacht den einen oder anderen Punkt versuchen im Stillen zu verbessern. Einreißen ist leichter als Aufbauen!“ Der Verteidigungsminister sekundiert: "Ein kriegstüchtiger Bundesbürger weiß, dass er über seinen Pflichten seine eigenen  Rechte zu vergessen hat." Ein derbes deutsches Wort umreißt diese Synthese am besten: Die „deutsche Arschlochigkeit“. Sie wird uns Bürgern jeden Tag von der Bundesregierung und deren Parteien vorgesetzt - Leidkultur halt. Ein Oberstudienrat jedoch befleißigt sich dieser Eigenschaft bis ins kühle Grab, wie es im Lied „Üb' immer Treu und Redlichkeit...“ heißt, so droht dann auch keinesfalls ein Entzug von Besoldung oder Pension.


Selbstverständlich wird ein Rundfunksender, der sich als Oberlehrer im Fach Staatsräson mit Bildungsauftrag für die dummen Bürger ausgibt, dieses Prinzip in die Tat umsetzen. So entstand diese Sendereihe, sonntags um halb zehn in Deutschland ohne "das Frühstückchen": Essay und Diskurs. In der Aufsatzsprache also These und Antithese mit Synthese nach dem Motto: „...Immer immer alles gut, bis das Hirn im Hintern ruht...“ (Gedicht von Wiglaf Droste, 1962-2019) - kurz vor den Nachrichten.

























wahrheitsgetreue Darstellung eines Schülerlebens

Großskulptur  von Heike Mutter und Ulrich Genth

Duisburg 2010





















Nun darf bei aller Kritik nicht vergessen werden, dass es viele Beispiele für inhaltsreiche und scharfsichtige Essayisten gibt. Zum Beispiel hat Uwe Johnson die Zeit um den Mauerbau in Berlin mit Texten in seinem Buch „Berliner Sachen“ kommentiert, als sich Politik und Bevölkerung Westberlins in Dauerhysterie befanden. Der Hass auf den Osten hat eine lange Tradition, die deutsche Irrationalität auch. Erfreulicherweise ist die Liste der wertvollen Essays lang, doch finden sie sich bevorzugt in der gedruckten Literatur. Manches kommt aber sehr hochtrabend daher und der viertel- bis halbgebildete Journalist verneigt sich ehrfurchtsvoll, wie einst Rudolf Augstein vor diesem Herrn Dr. Kohl, weil er die Übernahme der DDR zur BRD einfädelte. In der Geriatrie nennt man das Altersdemenz, die auch vor dem Herausgeber eines „Spiegel“ nicht halt macht.


Wer erinnert sich noch an diesen unsäglichen Peter Handke, der einst im Forum-Theater am Europacenter in Berlin mit seiner „Publikumsbeschimpfung“ neben dem obligatorischen Besuch im Travestie-Schuppen „Chez nous“ den BRD-Touristen aus den abgelegensten Provinzen einen wohligen Schauder über den Spießerrücken jagte. Jener Handke veröffentlichte während des Jugoslawienkriegs einen Essay in der „Süddeutschen Zeitung“, der sich am besten mit dem lateinischen Sprichwort: „Si tacuisses, philosophus mansisses“ , beschreiben lässt. Ein anderer stark überschätzter Literat ist dieser Herr Botho Strauß. Wie alle alternden selbst ernannten Geistesgrößen gefallen sie sich in einem zunehmenden Rechtsextremismus, der bei Strauß zu einer völlig verspenglerten Dampfplauderei des reichsdeutschen Kulturpessimismus führt. Sein „anschwellender Bocksgesang“ ist ein krudes Gebräu aus Syberbergs „Wagners Nibelungen-Raunen“ und den verklärten Erinnerungen des Nikolaus Sombart über seine Jugend in einer Grunewaldvilla, wo man sich den Emigrantensalons hingab und vergangene feudale Tage betrauerte. Eine Scharlatanerie für Bildungsbürger, die sich durch dieses Geschreibsel haushoch überlegen gegenüber der misera plebs wähnen. Bei genauem Hinsehen eine Häufung larmoyanter „die Welt“-Ressentiments, die durch reichliche Wortgirlanden überladen wie der kaiserliche Berliner Dom wirken. Feuilleton-Journalisten fallen darauf herein und geben sich als Kenner, in dem sie von „schwerer Kost“ schreiben. Dabei handelt es sich eher um urdeutsches Eisbein mit viel Sauerkraut, was schwer im Magen liegt und Blähungen bis in das Gehirn hinein bewirkt.


Die neue Reihe im „Teutschlandstunk“ ist diesen Winderhitzern des Kunstbetriebs gewidmet. Wie bei einem Hochofen, arbeiten die Winderhitzer im Regenerationsprozess. Ist ihre Wärmekapazität zur Erzeugung von sauerstoffreicher Heißluft erschöpft, bewirkt die Umschaltung der Strömungsrichtung, dass sie mit heißen Gichtgasen wieder auf Betriebstemperatur gebracht werden. Im Falle von Handke, Strauß & Co sorgen dafür die öffentlichen Medien.



 

Der Titel dieser Reihe „Essig und Dizzkus“ ist nicht nur eine Verballhornung, sondern spiegelt auch die ätzende Wirkung von Essigessenz und gleichzeitig die Anleihe an die Sprache des Internets wieder. „Dizzen“ ist mittlerweile in die Jugendsprache eingesickert und von dort ist es bis zum beschränkten Wortschatz von Radiomoderatoren nur eine Kokainspur oder konservativ ausgedrückt, ein Katzensprung.

Wer soll gedizzt werden? Wer hat es denn nötig? Die bundesdeutsche Bourgeoisie, aus Subjekten, die  über Leichen gehen, wenn es ihrem Kampf um den Erhalt ihrer kümmerlichen Pfründe geht – die „keine Experimente wagen“ mit ihrer Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Adenauerwelt auf dem Kopf den Schirm der Tütenlampe, sich im Cocktailsessel fläzend und die Füße unter dem Nierentisch ausstreckend, was natürlich erst recht für die ungezogenen Kinder gilt, solange sie noch im Fertighaus am Stadtrand mit ihren Eltern wohnen. Aus diesen Blagen werden die ewigen pubertierenden Welterklärer, die Klassenkämpfer als Bestmenschen, die ständig neue Schikane und moralische Prüfungen für ihre Mitbürger erfinden, um sich von der verhassten „Unterschicht“ abzuheben. Ob man dazu das Bankkonto, die Ernährungsart oder die Achtsamkeit als Selektionsmittel wählt, ist kotgleich. Hauptsache bleibt die Selektion, denn nichts ist wichtiger für den Bundesbürger als „dazu zu gehören“. In seiner Kaste befindet  er sich unter seinesgleichen. Eindringlinge werden gemeinsam abgewehrt. So entstand mit dem Beginn der Regentschaft des Herrn Dr. Kohl und seiner zweifelhaften Entourage eine neue Ständegesellschaft.  Der Neoliberalismus als religiöses Fundament des Kapitalismus wird nur unzureichend durch die löcherige Tarnkappe mit dem Namen „soziale Marktwirtschaft“ bedeckt. Das reicht aber den Essayisten meistens aus, um zu analysieren, wortreich um den kapitalistischen Brei herumzureden und keinesfalls die Oberschicht, welche die Anweisungen an die Bundesmarionettenregierung ausgibt, als Urheber des gewollten Zerfalls zu brandmarken. Die von ihnen hervorgerufene Atomisierung des Volkes zu Einzelkämpfern, die sich untereinander bekriegen, sorgt dafür, dass diese Elite ihren Besitzstand ständig vergrößert und es sogar auf die Eskalation zu einem großen Krieg ankommen lässt. Diese Denkweise gilt aber als vulgärmarxistisch. Vulgär sind die Vertreter einer hauchdünnen Oberschicht. Sie unterscheiden sich im Intelligenzgrad, in ihrer kriminellen Energie in keiner Weise von den den römischen Adeligen, die sang- und klanglos mit dem römischen Reich ob ihrer Dekadenz untergingen und seit über tausend Jahren längst verwest sind und höchstens Lateinschülern noch Verdruss bereiten.

 

Beton-Fertigteilwerk in Venray (Niederlande)

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